Während sich Vermögenswerte in einer global vernetzten Wirtschaft oft im Gleichschritt bewegen, erleben wir in diesem Jahr eine bemerkenswerte Divergenz. In den USA verharren die langfristigen Zinsen aufgrund der hartnäckigen Inflation und eines hohen Fiskaldefizits auf hohem Niveau. In der Eurozone stiegen die Zinsen trotz rückläufiger Inflationsraten, was insbesondere auf die Lockerung der deutschen Schuldenbremse zurückzuführen ist. Europäische Aktienverzeichneten deutliche Gewinne, während amerikanische Leitindizes aus europäischer Sicht im Minus notieren. Die einzige Konstante in diesem Umfeld war Gold, das gegenüber allen wichtigen Währungen an Wert zugelegt hat. Noch im letzten Jahr prägten der „amerikanische Exzeptionalismus“ und die Dominanz des US-Dollars die Berichterstattung, während US-Aktien ihre beste relative Performance gegenüber Europa seit Langem verzeichneten. In diesem Jahr hat sich der Fokus auf die potenzielle Erosion der amerikanischen Vormachtstellung, getrieben durch die hohe Staatsverschuldung und geopolitische Abschottungsbemühungen verschoben. Als Investor ist man gut beraten, weder starr an einer Überzeugung festzuhalten noch seine Einschätzung quartalsweise komplett zu revidieren. Unsicherheit ist eine Konstante in einem komplexen System. Benjamin Graham bringt es auf den Punkt: Kurzfristig ist der Markt eine Wahlmaschine, die von Emotionen und Schlagzeilen beeinflusst wird. Langfristig ist er eine Wiegemaschine, bei der Fundamentaldaten den Wert bestimmen. Für unsere Positionierung ist daher die entscheidende Frage: Handelt es sich bei der aktuellen Entwicklung um eine kurzfristige Gegenbewegung innerhalb eines langjährigen Trends oder um eine nachhaltige Trendwende?
Ein Haupttreiber der amerikanischen Outperformance der letzten Dekade war der Technologiesektor. Seine Dominanz gründete auf technologischer Führerschaft, ausserordentlichem Gewinnwachstum und darauf basierend einem Anstieg der Bewertungsprämie gegenüber dem Markt. Eine anspruchsvolle Bewertung birgt Risiken, die im ersten Halbjahr sichtbar wurden. In diesem Fall haben Neuigkeiten des Künstliche-Intelligenz-Modells “Deepseek” aus Asien Zweifel an der unangreifbaren Position der amerikanischen Technologiekonzerne und der Wirtschaftlichkeit der enormen Kapitalinvestitionen in Datenzentren geschürt. Zusätzlich machten neue US-Einfuhrzölle die grossen Technologieunternehmen zu einem wahrscheinlichen Ziel für Vergeltungsmassnahmen. Hinzu kam einer der grössten Lagerabbauzyklen bei Halbleiterherstellern – dem Sektor mit der besten Entwicklung seit der Finanzkrise – welcher durch eine temporäre Überproduktion aufgrund des Nachfrageanstiegs nach Covid verursacht wurde. Diese Faktoren belasteten den Technologiesektor und damit auch die von ihm dominierten US- und Weltindizes. Wir erachten diese Faktoren jedoch als temporäre Verwerfungen innerhalb eines intakten langfristigen Trends. Die Technologisierung schreitet mit hoher Geschwindigkeit voran und vieles spricht dafür, dass die Künstliche Intelligenz eine zusätzliche Beschleunigung herbeiführen könnte. Die Tatsache, dass 90% der Kapitalisierung des MSCI Welt Technologie Index in den USA domiziliert sind, spricht in Bezug auf die technologische Innovationskraft eine deutliche Sprache.
